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Der Designprozess ist tot. Lang lebe der Designprozess.
Ich liebe Product Discoveries. Sie sind ein Prozess, bei dem ich nicht das Gefühl habe, kreativ beschnitten zu werden. Ganz im Gegenteil: Diese kontinuierlichen Impulssessions fühlen sich wie ein Workout fürs Gehirn an. Oft bin ich danach mental komplett erledigt – und gleichzeitig zufrieden und sinnerfüllt.
Und jetzt rüttelt da etwas an diesem heiligen Gral: die KI.
Ich höre immer wieder, dass KI unsere Jobs ersetzen wird. Also auch meinen. Zeit, sich zu überlegen, wohin das Ganze führen könnte – und gedanklich schon mal loszupaddeln, bevor die Welle kommt.
Alles, was wir machen, lässt sich theoretisch automatisieren. Zugegeben, uns bleibt wahrscheinlich noch etwas mehr Zeit als anderen, denn hier bremst die Regulatorik noch ordentlich. Gleichzeitig wirkt sie wie ein Sicherheitsgurt - Chapeau DSGVO und wie ihr alle heißt! Aber es ist kein fernes Szenario mehr, sondern eines, das längst begonnen hat, sich unter unsere Arbeit zu schieben.
Bevor wir jetzt alles auseinandernehmen, bleibe ich bei unserem Kern: den Product Discoveries. Und ich spreche gleich mal den Elefanten im Raum an: KI ist kreativ. Sie erzeugt in Sekunden mehr Ideen und Möglichkeiten als ein ganzer Raum voller Menschen in Stunden. Einst absoluter Engpass, heute inflationäres Gut. Schöne neue Welt. Und genau darin liegt unsere Chance.
Denn was haben wir von inflationär vielen Ideen? Erstmal: nichts. Niemand wird alles bauen und gleichzeitig vertesten können. Und wer entscheidet dann, was gebaut wird? Na, wie immer: andere. Also geht es nicht mehr nur darum, wer entscheidet, sondern wie entschieden wird – und was es dafür braucht. Ein neues Reglement. Denn es gibt ein paar Dinge, die KI nicht kann.
Sie kann einzelnen Ideen keine zusammenhängende Bedeutung geben, weil ihr unser Kontext fehlt. Sie hält keinen Widerstand aus, wie wir. Weder im Team noch in der Sparkassen-Finanzgruppe. Und sie entscheidet nicht gegen Plausibilität, weil ihr das Bauchgefühl fehlt – und der Mut, manchmal trotzdem loszugehen. Denn Innovationen sind nicht immer nur klug neu arrangierte alte Ideen. Manchmal brechen sie aus bekannten Mustern aus, funktionieren trotzdem und verschieben genau dadurch den Standard. Oder anders gesagt:
Ein Moonshot ist nicht nur eine Idee. Es ist eine Entscheidung gegen die Wahrscheinlichkeit.
Das bedeutet nicht, dass wir Entscheidungen nur noch irrational treffen sollten – aber wir dürfen es auch nicht ausschließen.
Zurück zur kommenden Inflation: Die Methoden, mit denen wir heute kreative Lücken füllen – Big Ideas, Crazy 8 und all die anderen – werden zur Blase. Die Frage wird nicht mehr sein: „Wie entwickeln wir die beste Lösung?“, sondern: „Welche Lösungen sind für uns sinnvoll und lohnen sich zu verfolgen?“
Wir werden von Generierenden zu Selektierenden.
Was wir dafür brauchen, sind neue Methoden, um Richtungen zu definieren, in denen KI Lösungen hervorbringt – und klare Filter, die uns helfen zu entscheiden, welche davon es wert sind, weiterverfolgt zu werden, ohne dabei den Blick für das wirklich Neue zu verlieren. Denn in dieser neuen Realität ist nicht mehr Kreativität die knappe Ressource, sondern Urteilskraft – die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und die entsteht aus Erfahrung, aus Reibung und aus echten Beziehungen.
Der Designprozess ist also nicht tot.
Er wird aber ein anderer sein.