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For Your Inspiration

Hypes, Hyper, Fuck.

Beim letzten Führungskräftestammtisch hatten wir die Gelegenheit, unseren neuen Geschäftsführer Maik näher kennenzulernen. Leider hatte er eigentlich Urlaub und deshalb relativ wenig Zeit. Damit das Ganze effizient abläuft, hatte Ulrike sich eine coole Session überlegt, in der wir in Gruppen vorab Fragen vorbereiten konnten. Und da war wirklich alles dabei. Von „Wo wärst du gelandet, wenn du nicht bei der Star Finanz angefangen hättest?“ bis zu „Welchen Song möchtest du auf dem Sommerfest spielen?“.

Und Maik schlug sich wacker. Er legte einen wirklich souveränen, smarten Auftritt hin und man merkte schnell, dass er eine Menge Erfahrung im Gepäck hat. So war auch sein letzter Move ein ziemlich gerissener Schachzug. Auf die Frage „Was wäre die eine strategische Sache, die du in der Star Finanz ändern würdest?“ antwortete er:

„Vielleicht gebe ich die Frage einfach mal zurück. Was würdet ihr denn gerne ändern?“


Boom. Stille.

Natürlich schossen keine Hände in die Höhe. Betretenes Schweigen machte sich breit, Peinlichkeit lag in der Luft. Die Moderation geriet in Zugzwang und fragte:

„Von welcher Gruppe war denn die Frage?“

Wohlwissend, dass meine Gruppe die Frage aufgeschrieben hatte, hob ich die Hand — und merkte gleichzeitig: Ich bin der einzige Trottel. Come on, echt jetzt? Hämisches Grinsen erreichte mich, Maiks Augen auf mich gerichtet. Sie sprachen:

„Na, was würdest du denn ändern?“

Super. Mein erster Führungskräftestammtisch und direkt die Möglichkeit, etwas richtig Dummes von sich zu geben. Was soll’s. Augen zu und durch — fair. Maik musste sich ja auch unzähligen Fragen stellen, also warum nicht auch ich. Also sagte ich irgendwas über App Tracking, KI, Hyperpersonalisierung. Zeug, das man aktuell überall hört. Lame.

Aber ich war immerhin der Einzige, der überhaupt etwas gesagt hatte, und Maik quittierte die spontane Antwort mit einem zustimmenden Kopfnicken.

Das war dann eigentlich auch schon die Vorstellungsrunde. Maik musste los und ich schnappte mir die 37 übrig gebliebenen Sandwiches als Buy-In für den Grillabend mit meinen Freunden. Aber auf der Fahrt nach Hause ärgerte ich mich ein bisschen über meine Antwort. Zu naheliegend, zu oft gehört und viel zu generisch. Und dann dachte ich auf einmal:

Hyperpersonalisierung. Fuck.

Der Gedanke war eigentlich recht einfach. Wenn Apps oder KI irgendwann wirklich hyperpersonalisierte Interfaces generieren, dann könnten sie doch theoretisch alles generieren. Also warum, auch wenn du eigentlich Banking-Produkte baust, nicht auch eine … Taxi-App?

Ich meine, so abwegig ist das gar nicht.

Und wenn WIR das könnten, dann könnten andere das auch. Und plötzlich landet man bei der Frage, wer dazu überhaupt in der Lage wäre. Na die, die es bis dahin geschafft haben, ihre Entwicklung genau an diesen Punkt zu bringen.

Solche Gedanken sind natürlich auch hart durch die ganzen KI-Endzeit-Podcasts getriggert, die ich mir reinziehe. Aber einen Satz, den ich daraus mitgenommen habe, möchte ich gerne mit euch teilen:

Nicht die wahrscheinlichste Zukunft treibt Veränderung — sondern die, die gefährlich genug wirkt.

Nach diesen Gedanken, den unzähligen Podcasts und der tiefstehenden Sonne auf der Autobahn dachte ich, dass ich Maik im Nachhinein gerne eine andere Antwort gegeben hätte:

„Wir sollten uns beim Thema KI nicht nur unsere Produkte und Services angucken, sondern vor allem die Art wie wir arbeiten. Gerade Hyperpersonalisierung sollten wir nicht als Feature, sondern als Skalierungstechnologie begreifen, die unseren Markt komplett umkrempeln könnte.

Denn irgendwann ist es vielleicht nicht mehr so wichtig, was wir machen, sondern eher wie wir es machen.“


Die Sache mit der Taxi-App pitche ich dann beim nächsten Mal.

6. Mai 2026

Bo